Die Bundesarchitektenkammer (BAK) drängt auf eine Anpassung der Architektur-Curricula an die Anforderungen der Bauwende. Lehrstühle und Pilothochschulen reagieren zunehmend mit interdisziplinären Modulen, die Building Information Modeling (BIM), Klimaanpassung und Kreislaufwirtschaft in die Ausbildung integrieren. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) hat parallel dazu mit der „Quedlinburger Erklärung" unter dem Titel „Wurzeln und Flügel" konkrete Positionen zur Transformation des Bauwesens formuliert.
BAK fordert Praxisnähe bei digitalen Planungsmethoden
Die Forderung der Bundesarchitektenkammer zielt darauf ab, Absolventen besser auf die digitale Planungspraxis vorzubereiten. Grundriss und Fassade werden in modernen Projekten längst nicht mehr ausschließlich im 2D-CAD entwickelt – BIM-Software von Anbietern wie Autodesk und der Nemetschek Group bestimmt zunehmend den Arbeitsalltag. Dennoch hinkt die akademische Ausbildung vielerorts hinterher. Einzelne Hochschulen haben bereits reagiert und bieten BIM-Module als Pflichtfach an, andere arbeiten noch an der Integration.
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) führt parallel Forschungsprojekte in den Bereichen „Digitales Planen und Bauen" sowie „Bauforschung und Innovation" durch. Diese Projekte liefern wissenschaftliche Grundlagen, die sich auch für die Lehre nutzen lassen – etwa bei der Integration von KI-gestützter Gebäudeplanung oder bei der Normierung von BIM-Prozessen. Das BBSR untersucht zudem Aspekte des barrierefreien Bauens und der Ressourceneffizienz, die für die Nachhaltigkeitslehre in Architekturprogrammen relevant sind.
Interdisziplinäre Module gegen Silodenken
Pilothochschulen setzen verstärkt auf fachübergreifende Lehrformate. Architektur-Studierende arbeiten dort gemeinsam mit Bauingenieuren, Gebäudetechnikern und Stadtplanern an komplexen Entwurfsaufgaben. Ziel ist es, das traditionelle Silodenken aufzubrechen, das in der Praxis häufig zu Schnittstellenproblemen führt. In solchen Modulen werden auch Themen wie Kreislaufwirtschaft im Hochbau und rückbaubare Gebäudekonzepte behandelt – beides zentrale Aspekte der Bauwende.
Die neue BIM-Zertifizierung in Österreich zeigt, dass auch berufsbegleitende Weiterbildungsformate an Bedeutung gewinnen. Absolventen müssen damit rechnen, dass ihre Ausbildung nur den Einstieg markiert und kontinuierliche Fortbildung zur Regel wird.
BDA-Positionen: „Wurzeln und Flügel" als Programm
Der BDA hat mit der Quedlinburger Erklärung „Wurzeln und Flügel" ein Positionspapier zur Transformation des Bauwesens veröffentlicht. Es adressiert den Themenkomplex „Baustelle Transformation" und wurde durch eine Publikation sowie eine begleitende Ausstellung ergänzt. Der BDA-Tag 2026 in Wuppertal wird vom 25. bis 27. Juni unter dem Motto „Bildet Banden!" stattfinden und behandelt Themen wie Wettbewerb, Vergabe und die Reform von Planungsverfahren. Die Veranstaltung richtet sich an Praktiker und will konkrete Impulse für die Neugestaltung von Ausschreibungs- und Vergabeprozessen liefern.
Klima und Baukultur zusammendenken
Die BDA-Positionen betonen, dass Klimaschutz und Baukultur keine Gegensätze sind. Nachhaltigkeit müsse von Anfang an in den Entwurfsprozess integriert werden – ein Ansatz, der auch in der Ausbildung stärker verankert werden soll. Materialwahl, Tragwerk und Gebäudehülle müssen aus Sicht des BDA gemeinsam auf Langlebigkeit und Anpassungsfähigkeit ausgelegt werden. Hersteller wie Holcim (Website) und Heidelberg Materials (Website) treiben parallel dazu die Entwicklung CO₂-reduzierter Baustoffe voran, die in künftigen Lehrplänen ebenfalls Raum finden sollten.
Praxis trifft Theorie: Was bleibt zu tun?
Die Integration von BIM, Klimawissen und interdisziplinärer Zusammenarbeit in die Architektur-Ausbildung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch die Umsetzung variiert stark zwischen den Hochschulen. Einheitliche Standards fehlen bislang, und die Geschwindigkeit der Transformation in der Praxis übersteigt oft das Tempo der Curricula-Anpassung. Fachverbände wie die BAK und der BDA leisten wichtige Impulse, doch die tatsächliche Verankerung liegt bei den Hochschulen selbst.
Für Arbeitgeber bedeutet das: Absolventen bringen unterschiedliche Kompetenzen mit. Eine gezielte Einarbeitung in digitale Planungswerkzeuge und nachhaltige Bauweisen bleibt auch künftig Teil der Personalentwicklung. Die buildingSMART Austria und vergleichbare Organisationen bieten dazu branchenweite Weiterbildungsformate an, die über die Hochschulausbildung hinausgehen.
Die Debatte um die Architekten-Ausbildung ist damit mehr als ein akademisches Thema: Sie entscheidet darüber, ob die nächste Generation von Planern die Bauwende mitgestalten kann – oder ihr hinterherläuft.