Das Architekturzentrum Wien hat die Dauerausstellung 'Hot Questions – Cold Storage' eröffnet. Die Schau präsentiert erstmals zentrale Bestände der Sammlung österreichischer Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts – über 100 Architekten-Archive sowie umfangreiche Einzelprojekt-Sammlungen. Sieben thematische Episoden stellen jeweils eine aktuelle „heiße Frage" voran, die historische Objekte neu kontextualisiert. Im Fokus stehen bisher vernachlässigte Perspektiven der Architekturgeschichte: Geschlechtergerechtigkeit, ideologische Instrumentalisierung und die Mitarbeit von Architekten in autoritären Systemen.
Wie ist Architektur entstanden – und wer wurde vergessen?
Die Ausstellung fordert die Lücken im Kanon der österreichischen Architekturgeschichte heraus. Ein Schwerpunkt liegt auf Geschlechtergerechtigkeit: Mehr als 160 Frauen waren in den Wiener Architekturschulen eingeschrieben – dennoch blieben viele ihrer Beiträge unbekannt. Die Kuratorinnen Angelika Fitz und Monika Platzer setzen bewusst neue Akteure ins Licht und ersetzen die nationale Meistererzählung durch multiple Perspektiven. Modelle, Zeichnungen, Möbel, Stoffe, Dokumente und Filme entwickeln neue Erzählstränge.
Rotes Wien, 1968er-Revolte und Vorarlberger Experimente
Inhaltlich spannt die Schau den Bogen von der besonderen Bedeutung des Roten Wien über architekturpädagogische Experimente im Gefolge der 1968er-Bewegung bis hin zu architektonischen Revolten in Vorarlberg. Auch historische und aktuelle Beispiele des ökologischen Umdenkens sind vertreten. Das Spektrum zeigt, wie Bautätigkeit kulturelle, soziale, ökonomische und technische Verflechtungen sichtbar macht.
Ideologie und Widerstand: Architekten in autoritären Systemen
Ein zentraler Themenblock widmet sich der ideologischen Instrumentalisierung von Architektur und Raumplanung. Die Ausstellung zeigt, wie Architekten aktiv mit autoritären Systemen kollaborierten – und wo sie Widerstand leisteten. Diese kritische Aufarbeitung fehlt im klassischen Kanon oft. Die Kuratorin Monika Platzer betont, dass die Sammlung des Architekturzentrums Wien erstmals einen solchen Zugang erlaubt: Viele Objekte werden zum ersten Mal öffentlich gezeigt, darunter der Nachlass von Günther Domenig, der seit 2014 im Bestand ist.
Vielfalt in Präsentation und Ausstellungsarchitektur
Das Ausstellungsdesign stammt von tracing spaces (Michael Hieslmair, Michael Zinganel) und seite zwei (Christoph Schörkhuber, Stefanie Wurnitsch). Die Gestaltung spiegelt die Vielfalt der Exponate wider: Unterschiedliche Maßstäbe, Medien und Formate machen den Besuch zu einem sinnlichen und atmosphärischen Erlebnis. Modelle, darunter das Wohnprojekt Pilotengasse (1987–1992) von Adolf Krischanitz, Otto Steidle sowie Herzog & de Meuron, stehen neben Dokumenten und Filmmaterial.
Führungen und Begleitprogramm seit Februar 2022
Seit der Eröffnung im Februar 2022 bietet das Architekturzentrum Wien regelmäßige Führungen an. Eine Podiumsdiskussion am 23. Februar 2022 unter dem Titel „Pioneering Female Architects – Centre Stage #1" fragte: Wer waren die ersten Architektinnen? Trotz Widerständen studierten mehr als 160 Frauen an Wiener Architekturschulen. Die Führungen greifen einzelne Hot Questions auf, etwa „Wie wird Architektur produziert?" oder „Green Steps – Verein für Bildung im Einklang mit der Natur".
Was bedeutet das für die Praxis?
Die Dauerausstellung setzt ein klares Signal an die Architekturbranche: Geschlechtergerechtigkeit und die Aufarbeitung ideologischer Verstrickungen sind keine historischen Randthemen, sondern prägen das heutige Selbstverständnis. Büros, die an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen, sehen sich zunehmend mit Forderungen nach Diversität und kritischer Reflexion konfrontiert. Auch Hochschulen integrieren diese Perspektiven verstärkt in Curricula. Die Ausstellung liefert Material für Lehre und Diskurs – ein Archiv, das bisher wenig bekannte Quellen erstmals zugänglich macht.
Für Planer und Entscheider bietet die Sammlung des Architekturzentrums Wien zudem Anschauungsmaterial zu ökologischen Strategien und regionalen Bautraditionen. Die Vorarlberger Holzbau-Revolte etwa ist heute international anerkannter Referenzfall für nachhaltiges Bauen. Die Dauerausstellung kontextualisiert solche Entwicklungen und zeigt, dass Innovation oft aus regionalen Experimenten entsteht – nicht nur aus großstädtischen Leitprojekten.
Österreichs einziges Architekturmuseum
Das Architekturzentrum Wien ist das einzige Museum in Österreich, das sich ausschließlich der Architektur widmet. Die Sammlung ist in den letzten 17 Jahren stark gewachsen. Die Dauerausstellung 'Hot Questions – Cold Storage' macht diese Bestände nun systematisch zugänglich. Kuratorin Monika Platzer verantwortet das Konzept gemeinsam mit Angelika Fitz. Unterstützt wurden sie von Sonja Pisarik, Iris Ranzinger und Katrin Stingl in der kuratorischen Assistenz. Produktion: Andreas Kurz. Finanzen und Umbau: Karin Lux, Assistenz: Barbara Kapsammer.
Die Ausstellung ist dauerhaft zu sehen. Aktuelle Informationen zu Führungen und Begleitprogramm finden sich auf der Website des Architekturzentrums Wien. Thematisch verwandte Projekte wie die Best-Practice-Auszeichnungen von ICOMOS Austria zeigen, dass die kritische Auseinandersetzung mit Architekturgeschichte auch in der Denkmalpflege an Bedeutung gewinnt.