Die Lafarge Holcim Österreich bewirbt auf ihrer Nachhaltigkeitsseite naturnahes Bauen. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Konzern, der jährlich Millionen Tonnen Zement herstellt – ein Material, das weltweit für rund acht Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich ist. Die Frage liegt auf der Hand: Handelt es sich um eine substanzielle Neuausrichtung oder um geschicktes Marketing?
CO₂-Fußabdruck der Zementindustrie im Fokus
Zement ist nach wie vor der meistgenutzte Baustoff weltweit. Die Herstellung ist jedoch extrem energieintensiv. Allein das Brennen von Klinker bei 1.450 Grad Celsius setzt große Mengen CO₂ frei – teils prozessbedingt aus dem Kalkstein selbst, teils durch fossile Brennstoffe. Die Branche steht unter enormem Druck, diese Emissionen zu reduzieren.
Lafarge als Teil des globalen Holcim-Konzerns hat sich öffentlich zu Netto-Null-Zielen bis 2050 verpflichtet. Doch zwischen Ankündigung und Umsetzung klafft oft eine Lücke. Die österreichische Tochtergesellschaft verweist auf ihrer Website auf Maßnahmen wie den Einsatz alternativer Brennstoffe, die Reduktion des Klinkeranteils in Zementen und die Entwicklung CO₂-reduzierter Betone. Konkrete Zahlen zur Emissionsreduktion im österreichischen Werk fehlen allerdings weitgehend.
Naturnahes Bauen: Definition und Marktkontext
Der Begriff "naturnahes Bauen" ist nicht normiert. Er wird oft synonym mit ökologischem, nachhaltigem oder kreislauffähigem Bauen verwendet. Im engeren Sinn geht es um den Einsatz nachwachsender, regional verfügbarer Rohstoffe wie Holz, Lehm oder Stroh sowie um ressourcenschonende Bauweisen. Genau hier beginnt der Widerspruch: Zement und Beton gelten gemeinhin nicht als naturnahe Baustoffe.
Die Konkurrenz schläft nicht. Hersteller wie Wienerberger oder Xella Ytong setzen auf mineralische Wandbaustoffe mit vergleichsweise geringerem CO₂-Fußabdruck. Gleichzeitig wächst der Markt für Holzhybridbau rasant – eine direkte Herausforderung für die Betonindustrie. Lafarge muss also zeigen, dass auch Beton einen Platz in einer nachhaltigen Bauzukunft haben kann.
Maßnahmen zur CO₂-Reduktion: Was ist messbar?
Lafarge setzt nach eigenen Angaben auf mehrere Hebel. Erstens: der Ersatz fossiler Brennstoffe durch alternative Energieträger wie Klärschlamm, Altöl oder Abfälle aus der Kunststoffindustrie. Das senkt die direkten CO₂-Emissionen, bleibt aber umstritten – Kritiker verweisen auf Schadstoffemissionen und die Frage, ob Verbrennung wirklich kreislaufwirtschaftlich ist.
Zweitens: die Reduzierung des Klinkeranteils. Zemente mit höheren Anteilen an Hüttensand, Flugasche oder kalzinierten Tonen weisen niedrigere CO₂-Werte auf. Hier hat die Branche in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Allerdings sind solche Zemente nicht für alle Anwendungen geeignet – etwa bei hochfesten Betonen oder in aggressiven Umgebungen.
Drittens: CO₂-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Lafarge beteiligt sich an Pilotprojekten, doch die Technologie ist teuer, energieintensiv und in Österreich noch nicht im industriellen Maßstab verfügbar. Die Frage der Endlagerung bleibt offen.
Vergleich mit Branchenzielen und Wettbewerbern
Die Holcim-Gruppe, zu der Lafarge gehört, hat sich zum Ziel gesetzt, die CO₂-Emissionen pro Tonne Zement bis 2030 um 25 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Das klingt ambitioniert – doch viele Wettbewerber wie Heidelberg Materials verfolgen ähnliche Pfade. Entscheidend ist die Transparenz: Wer veröffentlicht regelmäßig Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen? Wer legt offen, welche Produkte bereits heute deutlich unter dem Branchenschnitt liegen?
Hier zeigt sich ein Problem: Lafarge Österreich bietet auf der Website allgemeine Nachhaltigkeitsversprechen, aber keine produktspezifischen Ökobilanzen oder EPDs (Environmental Product Declarations) zum Download. Für Planer und Bauherren, die Nachhaltigkeit nachweisen müssen – etwa für DGNB-, LEED- oder klimaaktiv-Zertifizierungen –, ist das ein Hindernis.
Naturnahes Bauen und Beton: Ein Widerspruch?
Kann Beton überhaupt naturnah sein? Die Antwort ist differenziert. Beton selbst besteht aus natürlichen Rohstoffen: Gesteinskörnung, Wasser, Zement. Problematisch ist vor allem die Produktion des Bindemittels Zement. Zudem ist Beton nach wie vor schwer rückbaubar und recyclierbar – zumindest im Vergleich zu Holz oder Lehm.
Es gibt jedoch Ansätze, die Beton nachhaltiger machen: Rezyklierte Gesteinskörnung aus Abbruchmaterial, der Einsatz von CO₂-reduziertem Zement oder die Verwendung von Sichtbeton, der auf zusätzliche Verkleidungen verzichtet. Auch die hohe thermische Speicherfähigkeit von Beton – etwa in Geschossdecken – kann zur Energieeffizienz beitragen.
Lafarge könnte hier punkten, wenn der Konzern klare Produktlinien für low-carbon-Betone entwickelt, diese transparent kommuniziert und Planern Werkzeuge an die Hand gibt, um den ökologischen Fußabdruck bereits in der Entwurfsphase zu kalkulieren. Bislang fehlt eine solche Offensive.
Kritische Stimmen und Greenwashing-Vorwurf
NGOs und Branchenbeobachter werfen Lafarge und anderen Zementkonzernen regelmäßig Greenwashing vor. Der Vorwurf: Man schmücke sich mit grünen Labels, während die tatsächliche Reduktion der absoluten Emissionen hinterherhinke. Besonders kritisch wird gesehen, dass viele Hersteller weiterhin stark auf fossile Brennstoffe setzen und CCS-Technologien als Zukunftslösung verkaufen, obwohl deren Skalierung und Wirtschaftlichkeit unklar sind.
Ein Blick auf internationale Rankings zeigt: Lafarge bzw. Holcim schneidet in Nachhaltigkeitsindizes wie dem Dow Jones Sustainability Index durchaus gut ab – allerdings im Vergleich zu anderen Zementherstellern, nicht zu Baustoffherstellern insgesamt. Wer also von "naturnah" spricht, muss sich an Holz-, Lehm- oder Strohbauherstellern messen lassen – und da sieht die CO₂-Bilanz ernüchternd aus.
Handlungsempfehlungen für Planer und Bauherren
Für Architekten, Ingenieure und Bauherren, die nachhaltiges Bauen ernst nehmen, ergeben sich konkrete Fragen:
Erstens: Fordern Sie produktspezifische Umweltdaten. EPDs sollten Standard sein, nicht Ausnahme. Nur so lässt sich der ökologische Fußabdruck eines Gebäudes in der Planung realistisch bewerten.
Zweitens: Prüfen Sie Alternativen. Holz, Lehm, Ziegel oder Kalksandstein haben in vielen Anwendungen niedrigere CO₂-Werte. Beton bleibt unverzichtbar bei Fundamenten, Tragwerken oder Infrastruktur – aber nicht überall.
Drittens: Verlangen Sie Transparenz. Hersteller, die von Nachhaltigkeit sprechen, sollten bereit sein, konkrete Zahlen, Ziele und Fortschritte offenzulegen. Vage Absichtserklärungen reichen nicht mehr.
Fazit: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Lafarge Österreich bewegt sich in einem Spannungsfeld: Der Konzern ist Teil einer Industrie mit enormem CO₂-Fußabdruck und bewirbt gleichzeitig naturnahes Bauen. Substanzielle Maßnahmen wie alternative Brennstoffe und klinkerreduzierte Zemente sind erkennbar – doch die Kommunikation bleibt allgemein, konkrete Produktdaten fehlen, und die absolute Emissionsreduktion ist schwer nachvollziehbar.
Ob es sich um Greenwashing handelt, hängt davon ab, wie man den Begriff definiert. Lafarge tut mehr als viele kleinere Hersteller – aber weniger, als der Begriff "naturnah" vermuten lässt. Für Planer und Bauherren gilt: kritisch bleiben, Daten einfordern, Alternativen prüfen. Nachhaltiges Bauen braucht mehr als grüne Versprechen – es braucht messbare Ergebnisse.
Weitere Informationen zu nachhaltigen Bauweisen finden sich in der Schweizer Planungshilfe für nachhaltige Innenarchitektur sowie im Themenportal Kreislaufwirtschaft im Hochbau.

