Die Nemetschek Group hat die Navigation ihrer Website umgebaut und präsentiert ihre Softwareprodukte künftig nach Projekttypen gebündelt. Statt der bisherigen Marken-Liste – Allplan, Vectorworks, Graphisoft und weitere – finden Planer und Architekten nun Kategorien wie Wohnbau, Infrastruktur oder Gewerbebau. Die Frage lautet: Steckt hinter der neuen Struktur eine strategische Neuausrichtung des Produktportfolios, oder handelt es sich um einen optischen Relaunch ohne tiefgreifende Veränderung im Marktauftritt?
Von Produktmarken zu Projekttypen: Was ändert sich konkret?
Bislang setzte Nemetschek auf die Sichtbarkeit seiner etablierten Marken – eine klassische Multi-Brand-Strategie, die seit Jahren den AEC-Softwaremarkt prägt. Wer Vectorworks für Innenarchitektur oder Allplan für den Hochbau suchte, fand die Produkte nach Herstellerbezeichnung sortiert. Die neue Website-Struktur rückt die Projektart in den Vordergrund: Nutzer wählen zunächst ihren Gebäudetypus oder ihre Disziplin, erst danach werden passende Tools vorgeschlagen.
Diese Projekttyp-Logik ist nicht neu – Wettbewerber wie Autodesk nutzen sie bereits seit Jahren in ihrem Portfolio-Management. Neu ist, dass Nemetschek damit seine bisherige Marken-Autonomie infrage stellt. Jede Marke agierte bislang weitgehend eigenständig mit eigener Vertriebsstruktur und Produktphilosophie. Eine Bündelung nach Anwendungsfällen könnte darauf hindeuten, dass die Group künftig stärker integrierte Lösungen anbieten will – etwa im Gewerbebau, wo mehrere Nemetschek-Produkte parallel im Einsatz sind.
Relevanz für BIM und nachhaltiges Bauen
Für Planer, die BIM-gestützte Prozesse etablieren oder Nachhaltigkeitszertifizierungen anstreben, könnte die Neustrukturierung praktische Vorteile bringen. Wer beispielsweise ein Mehrfamilienhaus nach KfW-Standard plant, benötigt durchgängige Workflows von Entwurf über Energieberechnung bis zur Ausführungsplanung. Eine projekttyp-basierte Produktempfehlung würde die Auswahl beschleunigen – vorausgesetzt, Nemetschek liefert tatsächlich integrierte Toolketten und keine bloße Marketing-Reorganisation.
Die Frage bleibt, ob die Group die Interoperabilität zwischen ihren Marken künftig stärker forciert. Im Bereich nachhaltiges Bauen sind durchgängige Datenflüsse von der Planung bis zur Zertifizierung entscheidend. Wenn Nemetschek etwa die Schnittstellen zwischen Vectorworks, Solibri und dRofus ausbaut, hätte die Neuausrichtung echten Mehrwert. Fehlt diese technische Integration, bleibt die Projekttyp-Navigation Fassade.
Wettbewerbsposition: Wie positioniert sich Nemetschek gegenüber Autodesk?
Autodesk dominiert den Markt mit der Revit-Familie und einer klar projektorientierten Produktstruktur – von der Architektur über MEP bis zum Tragwerk. Nemetschek hingegen hat historisch auf Vielfalt gesetzt: unterschiedliche Planungskulturen, unterschiedliche Märkte, unterschiedliche Softwareansätze. Diese Diversität war lange eine Stärke, weil sie lokale Anforderungen abdeckte – etwa Allplan im deutschsprachigen Raum oder Graphisoft in Skandinavien.
Mit der Projekttyp-Struktur könnte Nemetschek versuchen, die Wahrnehmung als „Konglomerat von Nischenprodukten" zu überwinden und sich als integrierter Lösungsanbieter zu präsentieren. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob die Vertriebsorganisation mitspielt. Bislang konkurrieren Nemetschek-Marken teils in denselben Projekten gegeneinander – eine Konsolidierung würde interne Abstimmungen erfordern, die politisch heikel sein dürften.
Was bedeutet das für Planer und Architekten?
Für Nutzer ändert sich kurzfristig wenig. Die einzelnen Softwareprodukte bleiben bestehen, die Lizenzmodelle sind nicht betroffen. Wer heute Allplan einsetzt, arbeitet morgen weiter damit. Mittelfristig könnte die Neustrukturierung jedoch die Produktentwicklung beeinflussen: Wenn Nemetschek seine Ressourcen stärker auf bestimmte Projekttypen – etwa Infrastruktur-Großprojekte oder Bildungsbauten – fokussiert, könnten andere Segmente an Investitionspriorität verlieren.
Entscheidend wird, ob Nemetschek die Projekttyp-Logik nur im Marketing abbildet oder auch in Produktintegration und Support umsetzt. Ein Beispiel: Wenn ein Planer ein Hotel plant, müsste die Group idealerweise eine durchgängige Lösung von der Grundriss-Planung über die Fassaden-Detaillierung bis zur Ausschreibung anbieten – ohne Medienbrüche zwischen verschiedenen Tools. Ob das gelingt, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.
Strategische Neuausrichtung oder nur Website-Optik?
Die entscheidende Frage lautet: Folgt der Portfolio-Neustrukturierung eine echte Go-to-Market-Strategie, oder bleibt es bei einer Umgestaltung der Web-Präsenz? Hinweise auf eine tiefere Umstrukturierung wären etwa gemeinsame Vertriebsteams über Marken hinweg, integrierte Lizenzmodelle oder technische Roadmaps, die mehrere Nemetschek-Produkte verzahnen.
Bislang gibt es dazu keine öffentlichen Ankündigungen. Die neue Website-Navigation könnte daher auch ein Test sein, um die Marktakzeptanz einer projekttyp-basierten Kommunikation zu prüfen. Für Nemetschek wäre das eine logische Vorstufe, bevor interne Strukturen angepasst werden. Kritiker argumentieren, dass eine echte Integration der Marken die Unternehmenskultur und die Produktidentität verwässern könnte – ein Risiko, das viele Multi-Brand-Unternehmen scheuen.
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Planer und Architekten sollten die kommenden Quartale beobachten, ob Nemetschek konkrete Schritte folgen lässt. Indikatoren wären gemeinsame Produkt-Updates, neue Schnittstellenstandards oder integrierte Schulungsangebote über Marken hinweg. Auch personelle Veränderungen – etwa die Zusammenlegung von Vertriebsregionen – würden auf eine strategische Neuausrichtung hindeuten.
Für Büros, die mehrere Nemetschek-Produkte im Einsatz haben oder über eine Konsolidierung ihrer Toollandschaft nachdenken, könnte die Projekttyp-Struktur künftig Orientierung bieten. Voraussetzung ist, dass Nemetschek transparente Produktempfehlungen liefert und Interoperabilität nicht nur verspricht, sondern auch technisch umsetzt. Bis dahin bleibt die Neustrukturierung ein Signal mit offenem Ausgang.
