Die Nemetschek Group positioniert ihre BIM-Software Vectorworks verstärkt für komplexe Verkehrsinfrastrukturprojekte. Mit einer gezielten Ausrichtung auf Flughäfen, Bahnhöfe und Häfen dringt das Unternehmen in ein Segment vor, das in Europa durch massive öffentliche Investitionen geprägt ist. Die neue strategische Ausrichtung wurde auf einer eigenen Landingpage präsentiert und signalisiert einen Wechsel von der klassischen Hochbau- und Innenarchitektur-Domäne hin zu Großprojekten der öffentlichen Hand.

Infrastruktur-Boom trifft auf BIM-Lücken im öffentlichen Bau

Flughäfen, Bahnhöfe und Häfen gehören zu den komplexesten Bauvorhaben überhaupt. Sie vereinen anspruchsvolle Anforderungen an Tragwerk, Fassade, Brandschutz, Nutzerströme und technische Infrastruktur. Gleichzeitig sind die Planungsprozesse oft fragmentiert, da zahlreiche Fachdisziplinen – von der Architektur über die Verkehrsplanung bis zur Elektrotechnik – koordiniert werden müssen. Klassische CAD-Werkzeuge stoßen hier an Grenzen, während BIM-Methoden Transparenz und Effizienz versprechen.

Nemetschek will mit Vectorworks genau diese Lücke schließen. Die Software, die bislang vor allem in Architektur- und Landschaftsplanungsbüros etabliert ist, soll nun auch Verkehrsplaner und öffentliche Auftraggeber ansprechen. Dabei setzt das Unternehmen auf die Fähigkeit von Vectorworks, unterschiedliche Planungsphasen – vom Entwurf über die Ausführungsplanung bis zur Bauausführung – in einer durchgängigen BIM-Umgebung abzubilden.

Warum Verkehrsinfrastruktur attraktiv wird

Der Markt für Verkehrsinfrastruktur wächst in Europa rasant. Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen in den kommenden Jahren Milliarden-Investitionen in die Modernisierung von Bahnhöfen und die Erweiterung von Flughäfen an. Hinzu kommen EU-Fördermittel für nachhaltige Mobilitätsinfrastruktur und die Dekarbonisierung des Verkehrssektors. Für Softwareanbieter wie Nemetschek ist das eine strategische Chance: Öffentliche Auftraggeber fordern zunehmend BIM-konforme Ausschreibungen, gleichzeitig suchen Planungsbüros nach integrierten Werkzeugen, die interdisziplinäre Zusammenarbeit unterstützen.

Vectorworks trifft hier auf Wettbewerber wie Autodesk mit Revit und BIM 360 oder die Allplan-Sparte innerhalb der Nemetschek-Gruppe selbst. Die Differenzierung liegt in der Benutzerführung: Vectorworks gilt als intuitiver und weniger technisch überladen als Revit, was gerade kleinere und mittlere Planungsbüros anspricht. Gleichzeitig bietet die Software offene IFC-Schnittstellen, die für die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Gewerken und Softwareplattformen entscheidend sind.

Anwendungsfälle: Von Terminal-Erweiterungen bis Hafenplanung

Die Beispiele, die Nemetschek für den neuen Fokus nennt, umfassen Terminal-Erweiterungen an Flughäfen, Modernisierungen historischer Bahnhofsgebäude und die Neuplanung von Hafenanlagen. In allen drei Segmenten spielen neben der Architektur auch Verkehrsfluss-Simulationen, Barrierefreiheit, Brandschutzkonzepte und die Integration technischer Gebäudeausrüstung eine zentrale Rolle.

Vectorworks soll hier helfen, Grundrisse und 3D-Modelle direkt mit Datenbanken für Materialien, Kosten und Normen zu verknüpfen. Planer können so früh im Prozess Varianten durchspielen und beispielsweise prüfen, wie sich unterschiedliche Fassadengestaltungen auf Energiebilanz und Wartungsaufwand auswirken. Auch die Zusammenarbeit mit Ingenieurbüros – etwa für Tragwerk oder Gebäudetechnik – soll durch offene Datenaustausch-Formate erleichtert werden.

Herausforderungen: Marktdurchdringung und Ausbildung

Trotz der strategischen Logik ist der Weg in die Infrastruktur kein Selbstläufer. Viele öffentliche Auftraggeber und große Ingenieurbüros haben bereits langjährige Lizenzverträge mit Autodesk oder anderen Anbietern. Der Wechsel auf ein neues Werkzeug bedeutet Schulungsaufwand, Datenmigration und Projektrisiken – Faktoren, die gerade bei Großprojekten mit engen Zeitplänen abschreckend wirken.

Zudem fehlt Vectorworks in diesem Segment noch die Referenzliste: Während Autodesk auf zahlreiche realisierte Flughafen- und Bahnhofsprojekte verweisen kann, muss Nemetschek erst Leuchtturmprojekte vorweisen, um Vertrauen zu schaffen. Das Unternehmen setzt daher auf Pilotprojekte und enge Partnerschaften mit Planungsbüros, die bereits Vectorworks im Hochbau nutzen und nun auch Infrastruktur-Aufträge bearbeiten.

BIM-Anforderungen und Normungslandschaft

Ein weiterer Faktor ist die Normungslandschaft: In Deutschland gilt etwa die BIM-Richtlinie des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur, die klare Anforderungen an Datenformate und Modellstrukturen stellt. Auch in der Schweiz und Österreich fordern öffentliche Auftraggeber zunehmend BIM Level 2 oder höher. Vectorworks muss hier sicherstellen, dass die Software diese Standards erfüllt und dass exportierte Modelle problemlos in andere Systeme integriert werden können.

Nemetschek hat in den vergangenen Jahren in die IFC-Zertifizierung und die Anbindung an Cloud-Plattformen investiert. Die neue Ausrichtung auf Verkehrsinfrastruktur ist ein Testfall, ob diese Investitionen ausreichen, um auch in Projekten mit mehreren hundert Planungsbeteiligten zu bestehen.

Wettbewerb innerhalb der Nemetschek-Gruppe

Interessant ist auch die Positionierung innerhalb der Nemetschek-Gruppe selbst. Mit Allplan hat der Konzern bereits eine BIM-Lösung im Portfolio, die vor allem im deutschsprachigen Raum stark im Hochbau verankert ist. Die parallele Ausrichtung von Vectorworks auf Infrastruktur könnte zu Überschneidungen führen – oder zu einer gezielten Arbeitsteilung, bei der Allplan weiterhin Hochbau und Ingenieurbau bedient, während Vectorworks Design-intensive Infrastrukturprojekte übernimmt.

Die Frage wird sein, wie Nemetschek die beiden Marken langfristig positioniert und ob Synergien – etwa bei der Entwicklung von BIM-Workflows oder Cloud-Diensten – genutzt werden. Für Planungsbüros, die beide Lösungen einsetzen, könnte eine enge Integration den Wechsel zwischen Projekten erleichtern.

Ausblick: Digitale Zwillinge und Betriebsphase

Langfristig geht es bei Infrastrukturprojekten nicht nur um die Planung, sondern auch um den Betrieb. Flughäfen, Bahnhöfe und Häfen sind Anlagen mit Lebensdauern von mehreren Jahrzehnten, die permanent gewartet, umgebaut und an neue Anforderungen angepasst werden müssen. Digitale Zwillinge, die während der Planungsphase entstehen und in der Betriebsphase fortgeführt werden, sind hier der nächste logische Schritt. Ob Vectorworks auch in diesem Bereich Werkzeuge anbietet oder mit Facility-Management-Plattformen kooperiert, wird über den langfristigen Erfolg mitentscheiden.

Die Ankündigung von Nemetschek zeigt, dass der BIM-Markt für Infrastruktur in Bewegung ist. Wer als Planungsbüro auf Verkehrsprojekte setzt, sollte die Entwicklung aufmerksam verfolgen – und prüfen, ob die vorhandenen Werkzeuge für die nächste Projektgröße noch ausreichen.